Blinde Leidenschaft (Ein Beitrag aus der Zeitschrift Oben)

Hallo liebe Gäste und Kletterfreunde des Seilgarten Prora,

ich bin’s, euer kleiner Freund, das Eichhörnchen Ich bin ja begeisterter Kletterer und natürlich auch immer interessiert an Literatur zum Thema Klettern. Da kommt mir die Zeitschrift oben immer gerne zwischen die Pfoten. Und weil da echt richtig interessante Themen drin sind, habe ich mir gedacht ich such mal ein paar interessante Artikel raus und lass euch daran teilhaben.

Dieses mal habe ich einen Bericht über einen blinden Kletterer in der Zeitschrift oben Nr. 011 gefunden. Viel Spaß beim Lesen.

Blinde Leidenschaft
Andreas Holzer nennt sich selbst „blind climber“
Autorin: Tina Paas

Der Österreicher Andreas Holzer ist von Geburt an blind. Was ihn nicht davon abhält, die höchsten Berger der Erde zu erklimmen. Sechs der Seven Summits, der jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente, hat er auf Anhieb bezwungen. Er macht ca. 200 Klettertouren im Jahr. Beeindruckend, finden wir, und sprachen mit Andy Holzer über seine Leidenschaft.

Oben-Redaktion: Herr Holzer, wann und wo haben Sie das Bergsteigen für sich entdeckt?

Andy Holzer: Ich wuchs in den Lienzer Dolomiten auf, Berge gehörten zu meinem natürlichen Umfeld. Mit neun Jahren erklomm ich zum ersten Mal eine Felswand. Der Felskontakt war eine Initialzündung. Ich habe gewusst, dass meine Hände mir Orientierung gaben. Je steiler das Gelände umso besser. Aber erst mit 22 Jahren habe ich ernsthaft begonnen, mit Seil und Haken zu klettern. Es war wie eine Sehnsucht, die in mir geschlummert hat. Vorher war das wie bei allen Kindern und Jugendlichen: es gab so Vieles auszuprobieren.

OBEN-Redaktion: Woran orientieren Sie sich beim Klettern?

Andy Holzer: Wenn ich die Wand schon gegangen bin, finde ich ein Vielfaches an Informationen in meinem Gedächtnis. Die Route bildet sich wie eine Grafik in meinem Kopf ab. Kenne ich den Fels noch nicht, klettere ich im Nachstieg. Ich folge den Geräuschen des Vordermanns und dem Seil und speichere die Tour für das nächste Mal. Sehende können sich oft nicht erinnern, da sie sich jedes Mal aufs Neue auf ihre Augen verlassen können. Das Schwierigste ist der Wanderpfad wieder hinunter. Diesen gehe ich mit der Hand an dem  Rucksack meines Vordermanns.

OBEN-Redaktion: Fühlen Sie sich abhängig von Ihren Begleitern?

Andy Holzer: Am Berg sind wir alle gleich. Abhängig bin ich nur bis wir dort sind. Blindheit ist nur eines der Parameter beim Klettern, die wir gemeinsam angehen müssen. Die anderen beschreiben mir die Herausforderung und ich als der Experte für das Thema „Blindheit“ gebe eine mögliche Lösung, die wir dann zusammen umsetzen. Diese Kreativität verbindet.

OBEN-Redaktion: Wie wählen Sie Ihr Team aus?

Andy Holzer: Die Chemie ist wichtiger als bei anderen Seilschaften. Wir leben am Berg eine fast familiäre Offenheit. Jeder kennt die Stärken und Schwächen der Anderen. Meine Begleiter müssen eine überdurchschnittliche soziale Kompetenz haben.

OBEN-Redaktion: Wie wichtig ist die Unterstützung von zu Hause?

Andy Holzer: Das ist immer die wichtigste Grundlage. Ohne meine Frau geht nichts. Sie gibt mir so viel Energie, als würde ich auch für Sie hinaufsteigen. Und ich weiß stets, ich darf auch scheitern. Das nimmt den Druck von mir.

OBEN-Redaktion: Ist das Bergsteigen in der Gruppe für Sie anstrengender als für die Sehenden?

Andy Holzer: Je höher wir kommen, umso besser für mich. Bei weniger Sauerstoff in der Luft wird die Gruppe langsamer, dadurch habe ich mehr Zeit. Ich kann präziser steigen, meine Schritte ökonomischer setzen und verbrauche weniger Energie, weil ich keine Fehltritte ausgleichen muss. Die anderen in der Gruppe setzen ihre Schritte immer ökonomisch. Wegen des Sauerstoffmangels tun sie sich je höher umso schwerer. Bei mir ist die Kraftersparnis höher als die Schwächung durch den Sauerstoffmangel. Also werde ich in sauerstoffarmer Höhenluft im Verhältnis zu Sehenden plötzlich leichtfüßiger und sogar schneller.

OBEN-Redaktion: Sie haben derart viele Gipfel erklommen, dass wir Sie gar nicht alle aufzählen können. Gab es einen Favoriten?

Andy Holzer: Der Mount Vinson, der höchste Berg der Antarktis. Aus Bergsteigersicht ist der nichts Besonderes und nur knapp 5.000 m hoch. Aber die ganze Umgebung war einzigartig. Ich habe, da es dort keine Keime gibt, nichts gerochen. Das Knirschen im Schnee klingt ganz anders.

OBEN-Redaktion: Im Frühjahr dieses Jahres wollten Sie den Mount Everest als letzten der Seven Summits bezwingen. Nach der tödlichen Eislawine haben Sie das Vorhaben abgebrochen. Empfinden Sie dies als Niederlage?

Andy Holzer:

Nein. Es gab ja keinen Fehler bei mir im System. Ich bin demütig und dankbar, dass wir nicht dort waren, als die Lawine abging. Im April 2015 fahren wir wieder hin. Dieses Mal gehen wir nicht über die nepalesische Seite, sondern die Route im Norden.

OBEN-Redaktion: Sie führen selbst auch sehende Menschen auf den Berg. Was lernen Sehende, wenn sie von einem Blinden auf den Berg geführt werden?

Andy Holzer:

Dass jeder für sein eigenes Glück selbst verantwortlich ist. Jeder muss seine Visionen selbst entdecken. Es gibt im Leben Hochs und Tiefs und manchmal geht es nicht weiter. Dann braucht man eine Strategie. Darin geht es auch in den Vorträgen, die ich für Firmen halte. In jedem Menschen stecken Ressourcen, die man nicht sehen kann. Jeder hat seinen Platz. Man muss ihn nur auf den richtigen Platz bringen, dann zündet er. Ich nehme Führungspositionen eines Unternehmens auch schon mal mit in den Berg. Bis zum Fels werde ich von diesem geführt, dann führe ich. Das ist ein extrem emotionaler Moment, weil ich wie ein anderer Mensch bin. Der andere vergisst, dass ich blind bin.

OBEN-Redaktion: Was ist Bergsteigen für Sie?

Andy Holzer: Bergsteigen ist Echtheit. Wenn dein Gedanke und dein Tun richtig waren, dann gibt der Fels eine gute Antwort. Es gibt eine glasklare Definition, was du machst und eine glasklare Antwort.

Herr Holzer, wir bedanken uns herzlich für das Interview und wünschen Ihnen für Ihre nächsten Projekte gutes Gelingen.

Weitere Informationen: www.andyholzer.com

entnommen aus dem Magazin oben, No. 011/ 2014 Magazin für Seilgartenbetreiber und Trainer, www.oben-online.de

 

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar